Archiv

Tag 1

Hier wird eine Geschichte erzählt. Es ist natürlich eine fiktive Geschichte. Vermutlich. Andererseits, wer würde schon sagen wollen, was wirklich und was fiktiv ist, in einer Zeit, wo die Grenze zwischen diesem und jenem verschwimmt...

So oder so, es könnte jedenfalls ein spannender Versuch werden. You're welcome...

Good2know

16.2.07 23:52, kommentieren

Kapitel 1

Oh mein Gott...! Wieso musste mir das passieren?

Seit Stunden saß er auf dem harten Plastikstuhl und hoffte, dass dieser Alptraum bald zu Ende sein würde. Sein Hintern tat ihm weh. Es war Mittwoch, drei Uhr fünfzehn. Mitten in der Nacht. Aber schon jetzt ahnte er, dass er aus diesem Alptraum nicht mehr erwachen würde.

Er legte den Kopf in den Nacken, rieb sich die brennenden Augen. Er blickte nach oben. Das Neonlicht vermischte sich mit dem Grün der Decke zu einem Eindruck watteartig verschimmelten Erbs­breis. Er fühlte sich wie tief unter Wasser. Algenverseuchtes, brackiges Wasser. Dazu passten auch seine feuchten Hosen, die nur allmählich trockneten.

Er senkte wieder den Kopf, schaute nach links. Sein dunkelbraunes Haar hing ihm wirr in die Stirn. Auf den Gläsern seiner rahmenlosen Brille hatten trocknende Wassertropfen kleine Ränder gebildet, die nun das Licht brachen. Am Ende des Ganges sah er den Eingang zur Notaufnahme der Charité. Eine Frau ging gerade durch diese Tür. Sie sprach aufgeregt mit einer Krankenschwester. Gestikulierte.

Der Flur drückte seine Stimmung noch mehr. Der lange Gang erschien ihm mit einem Mal wie eine Allee des Todes, die direkt ins Verderben führt. Er glaubte sogar die Kreuze am Rand der Fahrbahn sehen zu können. Und die Bäume, an denen Autofahrer ihr Leben gelassen hatten, das waren jetzt die Türen links und rechts. Und statt eines sonnendurchfluteten Himmels gab es nur diese schrecklich grüne Decke. Krankenhäuser fand er schon am Tage unerträglich. In der Nacht, da waren sie erst recht nicht auszuhalten.

Vor wenig mehr als drei Stunden war das Leben von Marian von Lindbergh noch in Ordnung. Und jetzt schien es ihm, als sei alles aus. Zerstört im Bruchteil einer Sekunde.

Sie waren auf dem Nachhauseweg und Julia, seine Frau, hatte es sich auf dem Beifahrersitz schon gemütlich gemacht. Sie filetierte gerade eines der Ereignisse, das diesen Abend so besonders machte: Beethovens 5. Klavierkonzert in einer außergewöhnliche Darbietung der Berliner Philharmoniker. Sie tat dies mit der gleichen Gründlichkeit wie sie es später mit dem Fisch machte, den sie nach dem Konzert im Borchardt aßen.

„Und die Pianistin, diese Neue … wie hieß sie doch gleich … also die war einmalig. Einfach Klasse!“ brach es schließlich gegen Ende ihrer Ausführungen begeistert aus ihr heraus.

„Die Pianistin heißt Sophie Darregeux. Sie ist eine Entdeckung“, meinte Marian absichtlich gelassen und hielt selbst das noch für stark untertrieben.

„Du musst sie in deinem Artikel erwähnen. Versprich mir das, Marian. Sie ist so sensationell gut, das musst du schreiben. Unbedingt!“

„Ich werde es erwähnen.“ Er hoffte, sie damit beruhigt zu haben.

Aber wer war er denn? Er war ja nicht bloß Kulturredakteur der größten Berliner Tageszeitung. Er war auch nicht irgendein zweitklassiger Musikkritiker. Er war einfach der Beste, den es für diesen Job gab. Daran gab es für ihn nichts zu rütteln.

Und deshalb würde er es nicht nur erwähnen. Er würde eine Hommage schreiben. Er würde sie auf einen Altar heben. Man würde in Zukunft nicht mehr an ihr vorbeisehen können. Er wusste, dass er diesen Einfluss hatte. Und den würde er im Falle der 22jährigen und absolut himmlischen Sophie Darregeux auch einsetzen. Binnen Tagen würden die anderen seine Würdigung zitieren. Und niemand würde übersehen können, dass diese junge Pianistin ihren künftigen Aufstieg ihm verdankte.

Aber er konnte auch vernichten. Wer es mit seiner Musik nicht schaffte, seine Seele zu erreichen, hatte es schwer. Im schlimmsten Fall könnte es für denjenigen das Ende bedeuten. Zweimal schon hatte er es getan. Und wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass er es bisweilen auch genoss, diese Macht zu besitzen.

Dabei hätte er es sich ohne Probleme leisten können, sich dem bloßen Zeitvertreib hinzugeben, statt immer wieder auch Minderbegabten ertragen zu müssen.

Marian von Lindbergh gehörte zur seltenen und glücklichen Spezies, die nur aus reinem Vergnügen arbeiteten. Wegen des Geldes musste er es nicht tun. Praktischerweise war davon genügend vorhanden, was er gewissermaßen als Folge einer glücklichen Fügung betrachtete.

Tatsächlich aber hieß diese Fügung Richard von Lindbergh-Kerssen und war sein Vater. Und auch wenn es ihm nicht gefiel, er musste zugeben, dass er dank des Geldes dieses halsstarrigen alten Mannes so weich gebettet war. Dieser sah seine Aufgabe vor allem darin, das Familienerbe zu mehren. Und deshalb hatte er als Gründungspartner einer der größten Wirtschaftskanzleien des Landes während seines Lebens ein weiteres Vermögen zusammengetragen.

Nichts, wonach Marian der Sinn gestanden hätte. Er würde nie verstehen können, wie man Geld bloß um seiner selbst willen anhäufen konnte. Aber er war nicht undankbar, dass es da war.

Im Westen vor Berlin durchzuckten jetzt Blitze einen mit schweren Gewitterwolken verhangenen Nachthimmel. Seit Tagen wartete jeder auf die erlösende Abkühlung. Schon sprachen Meteorologen und Medien von einem Jahrhundertsommer. Welche Übertreibung, fand Marian, wo doch nicht nur der Sommer sondern auch das Jahrhundert gerade mal erst begonnen hatten.

Die Klimaanlage sorgte für eine angenehme Kühle im Auto. Julia rieb sich über die nackten Arme und regelte das Gebläse etwas herunter. Es schien sie leicht zu frösteln.

„Es wird regnen“, sagte sie ohne darauf eine Antwort zu erwarten.

Marian sagte nichts. Er hörte auf die klassische Musik, die aus dem Autoradio kam und war ganz darin vertieft, die schwere Limousine in einer ihm angemessen erscheinenden Geschwindigkeit durch die Strassen zu steuern. Er liebte es nachts durch die Stadt zu fahren. Sie hatte dann etwas Erhabenes und Sauberes. Ihre Lichter verliehen ihr diesen besonderen Glanz.

Eine Horde Menschen lief laut diskutierend an ihm vorbei. Offenbar eine türkische Großfamilie. Die Leute gingen schnell den Gang hinunter und verschwanden dann hinter einer anderen Tür. Von Marian nahmen sie keine Notiz.

Das Warten im Krankenhausflur zerrte mehr und mehr an seinen Nerven. Was aber sein würde, wenn das Warten endlich zu Ende wäre, konnte er nicht genau sagen. Er fragte sich wieder und wieder, warum es passiert war. Wieder und wieder rief er sich die letzten Sekunden in Erinnerung, ging er alles noch einmal durch.

Er war unachtsam gewesen. Wegen des Streits mit Julia war er für einen Moment abgelenkt. Einen Moment zu lange. Nur eine halbe Sekunde. Aber es wäre nicht passiert, wenn er sich nicht wieder darauf eingelassen hätte. Wie ein Anfänger war er schon wieder in die gleiche Falle getappt. Er hatte es sich selbst zuzuschreiben.

„Was ein Zufall, dass Robert da war, findest du nicht?!“ Fast übergangslos wechselte Julia das Thema. Aber Marian entging nicht eine leise Schärfe in ihrer Stimme.

„Ja“, blieb er einsilbig.

Auch für ihn war es eine Überraschung, seinen alten Freund Robert aus Hamburg im Borchardt zu treffen. Und zugleich die Krönung des Tages. Besser hätte man es nicht planen können! Er wusste aber, dass Julia dies anders sah.

„Aber hat er dir gar nicht gesagt, dass er in Berlin ist? Ihr telefoniert doch jeden Tag miteinander.“

„Wir telefonieren nicht jeden Tag“, tat er absichtlich pikiert. Auch wenn er sich eingestehen musste, dass es der Wahrheit schon sehr nahe kam. „Und Robert bespricht auch nicht alles mit mir. Wie kommst du da drauf?“

„Ach, macht er das nicht?“ hakte Julia nach.

Marian fragte sich, ob sie ihm wohl glaubte. Es war aber die reine Wahrheit. Er erzählte ihr aber lieber nichts davon, dass er noch am Tag zuvor mit Robert über seine Pläne für den heutigen Abend gesprochen hatte.

„Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich euch beiden beobachte. Man will einfach nicht glauben, dass ihr euch erst seit der Uni kennt.“

„Weil wir uns benehmen, als hätten wir schon im Sandkasten zusammen gesessen?“

„Sandkasten? Schon möglich … eher wie zweieiige Zwillinge.“

„Wer weiß. Außerdem, was wäre daran so schlimm? Ich könnte mir schlechtere Brüder vorstellen.“

Diese Bemerkung traf ins Schwarze und war Marians Versuch, die Diskussion an dieser Stelle abzuwürgen. Sie zielte gegen Julias missratenen Bruder, der irgendwo in Süddeutschland war und dort das Leben eines Taugenichts führte. Jedenfalls was er für einen solchen hielt.

Sie drehte sich zu ihm und blickte ihn vorwurfsvoll an.

„Na klar. Robert hier, Robert da… Robert ist so toll. Robert ist so erfolgreich. Und Robert ist immer da wenn man ihn braucht. Oh nein, nichts gegen Robert!“ Sie versuchte, ihre Stimme im Griff zu behalten und quetschte sich eine Träne der Wut weg.

„Du kannst ihn nicht leiden, das lässt du mich ja nun bei jeder Gelegenheit spüren“. Sein Ton hatte jetzt ebenfalls die nötige Spur Gekränktheit.

„Warum sagst Du das eigentlich jedes Mal? Das stimmt doch gar nicht! Ich find ihn halt bloß…“

„Was? Arrogant?“ fiel er ihr ins Wort. Marian dachte daran, dass es Leute gab, die dies auch von ihm sagten. Vermutlich sogar zu Recht. „Robert ist vielleicht etwas, na ja sagen wir mal extrovertiert, aber das ist doch wohl kein Verbrechen.“

„Na wow, das hast du ja wieder super verpackt“, quittierte sie bissig.

Er beschloss es dabei bewenden zu lassen, denn seine Laune machte sich gerade auf den Weg, den Rest des Abends im Keller zu verbringen.

Robert Benecke war sein bester und ältester Freund. Und wie es sich für gute Männerfreunde gehörte hielt man zueinander und ließ nichts auf den jeweils anderen kommen. Verdammt noch mal, was war daran schon auszusetzen?

Nur in einem Punkt irrte sie: für zweieiige Zwillinge konnten beide ungleicher nicht sein. Robert war der Spieler mit dem unbeugsamen Willen zu gewinnen. Er bevorzugte die Spiele, bei denen er alles auf eine Karte setzen konnte. Robert war einer, der aus dem Weg räumte, was ihn aufhalten könnte. Marian dagegen abwägend, stets alle Optionen bedenkend. Zielstrebig zwar, aber nicht um jeden Preis. Waren sie deswegen so ein gutes Team, weil sie sich nie in die Quere kommen würden?

Wie früher schon: Robert hatte immer die besten Mädchen. Nur Julia nicht. Bei Julia schien das Phänomen Robert nicht zu wirken. Sie interessierte sich für ihn nicht die Bohne.

Aber hoffte er eigentlich darauf, dass sie irgendwann einmal ihre Meinung über Robert änderte? Ja, das tat er. Mit einigem Schrecken dachte er daran, dass er ihr noch beibringen musste mit Robert als Patenonkel für ihr zweites Kind einverstanden zu sein. Ihre Zustimmung zu bekommen, dafür blieben ihm gerade noch vier Monate Zeit. Irgendwann muss ich es ihr mal sagen.

Einzelne, dicke Regentropfen klatschten plötzlich auf die Windschutzscheibe, ließen darauf kleine Krater aus Wasser entstehen. Und mit einem Mal sah alles um sie herum aus wie ein Meer bunter explodierender Sterne. Im Radio setzten die Streicher zu einem fulminanten Finale ein, kurz darauf unterstützt von Fagott, Oboen und Pauken. Die Scheibenwischer des Wagens schalteten sich automatisch ein.

Julia beugte sich etwas nach vorne, um besser durch die Frontscheibe in den Himmel sehen zu können, der jetzt wie eine einzige Wassermasse schien.

„Meine Güte, was für ein Wolkenbruch“, sagte sie ehrfürchtig und mehr zu sich selbst. Und dann zu Marian. „Fahr bloß vorsichtig.“

„Ja“, brummte er.

Er bog in die Franklinstraße ein und die Klarinette begann ein Solo. Dann geriet etwas aus den Fugen.

Eine Tür, ihm genau gegenüber, flog auf und hätte fast sein Herz zum Stillstand gebracht. Er spürte wie Überdruck ihm kühle Luft ins Gesicht blies und roch den beißenden Gestank von Desinfektionsmitteln. Ein Arzt und zwei Schwestern schoben eilig eine Liege heraus und rannten irgendwo hin. Der Arzt raunte den Schwestern etwas zu, was diese noch mehr zur Eile antrieb. Marian sah Schläuche und Infusionsflaschen und war sofort aufgesprungen. Dann aber erkannte er, dass sie es nicht war und spürte Erleichterung. Er setzte sich wieder auf sein fast schon taubes Hinterteil.

Die andere Frau war auch noch da. Sie lief immer noch am anderen Ende des Ganges auf und ab. Einmal nur sah sie kurz zu ihm rüber. Dann kam ein Arzt, sprach mit ihr. Marian konnte nicht hören, um was es ging. Doch es schien sie aufzuwühlen. Mit schnellen Schritten verschwand sie wieder durch die Tür.

Er war wieder allein. Die quälende Frage bohrte in ihm, ob es vermeidbar gewesen wäre, wenn er besser aufgepasst hätte. Er hoffte inbrünstig, sich diese Frage nie mit ja beantworten zu müssen.

Er stand auf und ging auf die Toilette. Er wollte sich bloß die Hände waschen, weil er meinte, sie würden irgendwie - kleben. Während er sie wieder und wieder mit Seife reinigte, blickte er in den Spiegel über dem Waschbecken und sah im Licht der Neonröhre ein käsiges Gesicht. Er fühlte sich käsig. Die Augen brannten, der Magen kniff, im Hals kratzte es und er hatte einen pappig-ekligen Geschmack im Mund. Er nahm einen Schluck aus dem Wasserhahn, aber der Geschmack ging nicht weg.

Draußen im Gang gab es einen Getränkeautomat, aber er musste feststellen, dass bis auf Cola Light alles ausgegangen war. Er hasste den Geschmack von Diätgetränken. Er starrte den Automat an und erwartete wohl eine Empfehlung, welcher Geschmack der schlimmere sei: den er im Moment schmeckte oder der nach gezuckertem Eisen einer Diät-Cola. In seinem Kopf machte sich allmählich ein drückender Schmerz breit.

...to be continued


17.2.07 00:01, kommentieren